Khajuraho

 

Die Hochblüte des Mittelalters (10.-13. Jh. n.Ch.) hinsichtlich ihrer architektonischen Vollendung entstand zweifelsohne unter der Herrschaft der Candella-Dynastie, in Khajuraho. Diese in Madhya Pradesh (Mittelindien), 800km nordwestlich von Bhubaneshvar, situierte Stadt mit ihren geschätzten 10.000 Einwohnern ist nicht weit entfernt vom Becken der Yamuna, dem wichtigsten Zufluss zum heiligen Fluss Ganges. 

Khajuraho hatte unter der Herrschaft von Dhanga (950-1002) seinen Einflussbereich bis Gwalior im Westen und Varanasi im Osten, war daher Sammelbecken für die kulturellen Strömungen aus Zentral-, Nord- und Südindien. Ihre Bauten gehören zu den schönsten Beispielen des Nagara-Stils. 

 

Der Niedergang dieser Region seit dem 11. Jahrhundert ist auf die Angriffe der Muslime, wie der Raubzüge Mohammends von Ghur (ca. 1200) und die spätere Annexion der Provinz durch die Sultane von Delhi (1310) zurückzuführen. Von den damals angeblichen 85 Tempeln sind heute in dieser Gegend noch 22 Tempel erhalten, manche von ihnen unversehrt.

Khajuraho überlebte abseits der historischen Ereignisse und wurde von westlichen Reisenden um 1840 wieder entdeckt. Neben einigen jainistischen Tempeljuwelen ist zumeist mittelalterliche Hindu-Architektur der Publikumsmagnet. Doch nicht die bauliche Qualität beeindruckt westliche Reisende, auch nicht rein kunsthistorisch motivierte Neugier: eng umschlungene Paare oder Gruppen, die sich vielfältigem Liebesspiel hingeben sind der begehrte (wenngleich der anfangs meist schockierende) Skulpturenschmuck der Fassaden.

 

Merkmale der Skulpturen Khajurahos sind Gesichter mit schmalen, mandelförmigen Augen, kräftig gezeichneten Augenbrauen, volle Brüste und reicher Schmuck. Diese wunderhübschen und harmonischen Figuren sind früher als anstößig oder pornographisch bezeichnet worden: man hatte nicht der religiösen Bedeutung, sondern nur den Bildinhalt Beachtung geschenkt.

In der hinduistischen Mythologie und im Speziellen im Tantrismus beruht göttliche Vollkommenheit auf Einheit. Die Gegensätze Mann und Frau vereinen sich und streben nach gottgleicher Vollkommenheit. So wird auch im Shivaismus die Vereinigung des männlichen mit dem weiblichen Prinzips beispielsweise durch linga (Phallisches Symbol des Shiva) und yoni (Shivas Gemahlin Parvati , das weibliche Prinzip, wird als Vulva symbolisiert) dargestellt.

 

Die Skulpturen, welche man in verschiedenen Formen des Geschlechtsaktes und Liebesstellungen betrachten kann, drücken nicht nur Wollust aus, sondern verleihen der Liebe eine kosmische Dimension. Die Reliefs verdeutlichen die Gegenwart des Großen Gesetzes (dharma): im kosmischen Tanz des Shiva wird der Zyklus des Werdens und Vergehens dargestellt, auf der die Fortdauer des Lebendigen begründet ist.

Die erotischen Szenen von Khajuraho illustrieren die Inszenierung des Geschlechtsaktes, sie stellen ein Zeremoniell dar, das die Handlungen der Liebespaare (mithuna) sakralisiert.[1]

[1] Dieser Abschnitt ist eine Zusammenfassung aus:  Stierlin 2002, p. 129, 146f.